Klarinettist aus Leidenschaft : „Ich möchte Begeisterung wecken“

Von Axel Zibulski (Frankfurter Allgemeine 15.09.2018)

Ib Hausmann

Frischer Wind für eine Tradition: Der Klarinettist Ib Hausmann belebt die Wiesbadener Kammermusik wieder.
Er setzt auf ein künstlerisch volles Programm – und eine Prise Buntes.

Über den Saal gerät Ib Hausmann regelrecht ins Schwärmen. „Er ist ein Geschenk und einer der Hauptgründe dafür, dass ich die Konzertreihe übernommen habe.“ Im 1874 errichteten Gebäude der Casino-Gesellschaft, die nichts mit der Wiesbadener Spielbank zu tun hat, befindet sich der historistische Herzog-Friedrich-August-Saal mit seinen 300 Sitzplätzen. Seit einigen Jahren allerdings bleiben mehr und mehr von ihnen leer, wenn der Verein „Die Kammermusik in Wiesbaden“ seine Abonnementkonzerte veranstaltet.

Diese zutiefst bürgerlich geprägte Gemeinschaft, die vielen Kulturinteressierten in der Landeshauptstadt eher unter der vormaligen Bezeichnung des „Vereins der Künstler und Kunstfreunde“ geläufig ist, kann sogar auf eine noch etwas längere Geschichte als das Gebäude zurückblicken: Zu den bedeutenden Musikern, die bei ihr zu Gast waren, gehören Johannes Brahms, Max Reger und Paul Hindemith.

Über jeden dieser drei Komponisten lässt es sich mit Ib Hausmann ausgiebig sprechen, haben sie doch alle Kammermusik für die Klarinette, das Instrument des 1963 in Berlin geborenen Musikers, komponiert. Erörtern lässt sich mit ihm auch die jüngere Geschichte der traditionsreichen Konzertreihe, an der er schon vor zwei Jahrzehnten selbst als Musiker mitgewirkt hat.

Seit ihn der Verein vor der vergangenen Saison zum Vorsitzenden des Vorstands gewählt und vor allem mit der künstlerischen Betreuung der Reihe betraut hat, ist er den kammermusikalischen Geschicken in Wiesbaden noch viel enger verbunden. Behutsam verwandeln möchte er die Konzertreihe mit ihren derzeit sechs Veranstaltungen je Saison, dabei aber niemanden schockieren.

„Die Reihe soll bunter und farbiger werden“

Eine kleine, dem Interesse des Publikums mit großer Wahrscheinlichkeit aber zuträgliche Neuerung hat er bereits in der vergangenen Spielzeit eingeführt: Die Veranstaltungen finden nicht mehr dienstags, sondern in der Regel am Sonntagnachmittag um 17 Uhr statt. Auf diese Weise ergibt sich schon vor dem Konzert die Gelegenheit zu einem öffentlichen Künstlergespräch, das er selbst mit den auftretenden Musikern führt – und zum Austausch mit ihnen danach, zu dem das Publikum ebenfalls eingeladen ist: „Ich möchte Begeisterung und Unterstützung wecken„Ich möchte Begeisterung und Unterstützung wecken, die Reihe soll bunter und farbiger werden.“

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Hausmann neue Besucher durch geistige Verflachung des kulturellen Angebots locken möchte, wie schon der Blick auf das Programm der zweiten von ihm organisatorisch betreuten Saison zeigt. Es ist eigentlich die erste, die er künstlerisch voll verantwortet. Der Saisonauftakt mit dem Bennewitz-Quartett am 16. September ist ganz der tschechischen Streichquartett-Literatur gewidmet, der Klarinettist Zilvinas Brazauskas und die Pianistin Violetta Khachikyan nehmen sich am 11. November vorwiegend Musik des 20. Jahrhunderts vor, und das Auryn-Quartett kombiniert am 17. Februar des kommenden Jahres Brahms mit Beethoven.

Die Grenzüberschreitungen, die es geben soll, sind eher behutsamer Natur: Im Konzert des Amatis-Klaviertrios mit Hausmanns Tochter Lea am Geigenpult darf sich das Publikum im zweiten Programmteil selbst ein Werk auswählen. Wenn der Bariton Dominik Köninger am 28. April in seinem Liederabend „von Brahms zum Broadway“ führt, wahren Copland, Bernstein und Cole Porter durchaus das Niveau der Reihe. Denn Hausmann will informieren, Beziehungen wecken, aber das Publikum nicht „vollquatschen“, er will Musiker auftreten lassen, für die Kammermusik in künstlerischer Hinsicht von existentieller Bedeutung ist. Und er will sie nicht zuletzt vor der Unterforderung schützen, immer das Gleiche zu machen – was bei schmaler werdenden Repertoire-Kanons eine durchaus berechtigte Sorge ist.

Ausverkauft, das ist kein Geheimnis, sind die Konzerte noch nicht wieder, doch spürte Hausmann schon in der vergangenen Saison ein „immens lebendiges Interesse des Publikums“. Trotz des bürgerlichen Engagements des Vereins sieht er dennoch auch die öffentliche Hand zur Unterstützung in der Pflicht. Gut möglich, dass er auch da erfolgreich wirbt, wirkt seine sprühende Begeisterung doch unbedingt ansteckend: „Ich will immer noch wissen, dass ein Konzert zum Tollsten gehört, was man erleben kann!“

Die neue Konzertsaison der Wiesbadener Reihe „Die Kammermusik“ beginnt am Sonntag im Herzog-Friedrich-August-Saal der Casino-Gesellschaft. Von 17 Uhr an spielt das Prager Bennewitz-Quartett Werke von Mozart, Suk, Janáček und Dvořák.